Kosmoproletarische Solidarität!

Ein Aufruf zum 8. März, dem internationalen Frauentag von den Gruppen Arbeiterkommunistische Partei des Iran und Gleiche Rechte jetzt spricht einige Einsichten aus, die in den Grabenkämpfen der deutschen Linken oft genug der plumpen Identitäspolitik weichen müssen. Durch solche Texte sollte klar werden, dass man weder ganze Bevölkerungsgruppen pauschal als reaktionär oder fortschrittlich deklarieren kann, noch irgendwelche ‚rückständigen Völker‘ der Aufklärung und Hilfe deutscher IdentitätspolitikerInnen bedürfen.

Heute ist die Frauenrechtsbewegung im Iran wieder die Vorhut einer revolutionären Bewegung der Freiheit und Gleichheit. Während bedauerlicherweise weite Teile der hiesigen Linken sich in ihren ideologischen Schützengräben eingraben und Emanzipationspotenzial entweder in US-amerikanische F16-Bomber oder in eine Querfront mit den religiösen Faschisten des Politischen Islam hineinfabulieren, zeigt sich für jeden und jede, der und die projektionsfrei auf den Iran blicken, unzweifelhaft wer das Subjekt für eine fortschrittliche Perspektive ist. Die freiheitsliebende Bevölkerung des Irans bringt ihren Protest gegen das menschenverachtende Mullah-Regime Tag für Tag zum Ausdruck – auf der Straße, in den Universitäten, in den Fabriken, in Kurdistan. Trotz der Repressionen des islamistischen Regimes und ihrer Hizbollah-Bluthunde, die jede emanzipatorische Regung im Keim zu ersticken versuchen.

Damit wird dem beliebten Spiel deutscher Linker sich in der identitären Projektion in andere Akteure auf der Weltbühne zu sonnen eine Absage erteilt. Gleichzeitig verfallen die Aufrufenden nicht in Resignation, sondern benennen ihre Perspektiven:

Wir wollen am 8. März, dem Kampftag für alle unbeugsamen und freiheitsliebenden Frauen, zeigen, dass wir uns mit den ungehorsamen Frauen im Iran, in Afghanistan und weltweit zutiefst verbunden fühlen und wir uns nicht zwischen den imperialen Ordnungskriegern und den islamistischen Kulturkriegern zerreiben lassen. […]
Wir wollen deutlich machen: die unüberwindbare Konfliktlinie verläuft nicht zwischen dem sich als Kultur generierenden Politischen Islam und dem US-amerikanischen und EU-europäischen Ordnungsimperialismus, sondern zwischen der Barbarei der Religion und der Kapitalherrschaft einerseits und dem Freiheitsdurst der Frauen und anderen freiheitsliebenden Menschen andererseits. Unsere Solidarität gebührt dem mutigen Widerstand der ungehorsamen und ketzerischen Menschen im Iran, in Afghanistan und weltweit.
Am 8. März 2008 wollen wir für die Freiheit der Frauen und gegen den islamischen Tugendterror, dem sie ausgesetzt sind, demonstrieren. […]
Wir antworten, den Kampf, den die Frauen im Iran begonnen haben, betrifft uns alle. Sie verteidigen die menschlichen Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation gegen die Barbarei! Hoch die internationale Solidarität!
Lang lebe der 8. März!

In Punkto Projektionsspielchen der deutschen Linken hat die Gruppe Sinistra! Radikale Linke [Frankfurt] in der letzten Phase Zwei einen interessanten Artikel mit dem Titel „Der Hauptfeind ist Deutschland“ herausgebracht. Sie kommt zu der vielleicht in letzter Konsequenz etwas überspitzten Einsicht, dass man angesichts der Verhältnisse hier und der Situation der radikalen Linken lieber vor der eigenen Haustüre kehren sollte, anstatt sich zum Möchtegern-Weltstrategen aufzuspielen. In ihren Worten klingt das dann so:

Der Weg des alltäglichen Kampfes gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus usw. usf. ist unspektakulär, steinig, von Misserfolgen geprägt und deshalb oftmals frustrierend. Ungleich einfacher erscheint da doch der Weg der Identifikation mit einem mächtigen Akteur, der gewissermaßen stellvertretend für die deutsche Linke das durchzusetzen verspricht, wozu diese offenkundig außerstande ist. Dies gilt dabei für verschiedene linke Fraktionen durchaus gleichermaßen: Während die einen ihre enttäuschten revolutionsromantischen Hoffnungen auf mehr oder weniger emanzipatorische und heutzutage zumeist sehr fragwürdige Befreiungsbewegungen der Dritten Welt setzen, üben sich die anderen, die historische Konstellation des 2. Weltkriegs neu aufleben lassend, im virtuellen Schulterschluss mit der US-Army. Dass dabei sowohl TrikontpartisanInnen als auch amerikanische Regierung jenseits idealistischer Bekundungen ihre eigenen politischen und ökonomischen Interessen verfolgen, ohne von irgendwelchen linken Szenediskussionen auch nur die geringste Notiz zu nehmen, ist die dabei gerne übersehene Realität.
In einem Land, in dem der Rassismus fest zum Alltag gehört, ein Drittel der Bevölkerung trotz gründlich betriebenen Massenmordes nach wie vor der Ansicht ist, dass die Juden hier zu viel Einfluss haben, Teile des Landes als so genannte National befreite Zonen bzw. No Go Areas für Menschen nicht-arischen Aussehens gelten und beinahe täglich offen nationalsozialistische Aufmärsche vom Staat gewaltsam durchgesetzt werden, sollte eigentlich klar sein, wo das Problem zu verorten ist: nicht jenseits des Atlantiks, nicht am Hindukusch und auch nicht irgendwo, sondern genau vor unserer Nase, dort wo vor sechs Jahrzehnten das größte Menschheitsverbrechen stattfand, im Land der Täterinnen und Täter, in Deutschland.

Der Aufruf zum Weltfrauentag zeigt natürlich klar, warum man jetzt nicht in negativer nationaler Borniertheit den Blick auf die Welt verschließen sollte, aber ein kleines bisschen Zurückhaltung und Bescheidenheit angesichts der eigenen Schwäche stünde vielen wahrscheinlich ganz gut. In diesem Sinne: kosmoproletarische Solidarität mit den Kämpfen der Frauen weltweit!


2 Antworten auf „Kosmoproletarische Solidarität!“


  1. 1 Tapete 24. Februar 2008 um 20:04 Uhr

    Respekt.

    Zwei Texte auf einmal, die meine volle Zustimmung haben.
    Und ein Grund am 8.3. früh aufzustehen und eine Demonstration aktiv zu unterstützen.

  2. 2 bikepunk 089 19. März 2008 um 15:13 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: