Kommunistisches Begehren

Nach der Lektüre von bini adamczaks Buch „KOMMUNISMUS. kleine geschichte, wie endlich alles anders wird“, bin ich insbesondere an dem Teil des Epilogs hängen geblieben, der sich um die Kritik des Kapitalismus vom Standpunkt der Konsumtion dreht. Es geht dort insbesondere um Ansätze, die man vielleicht am treffendsten mit der Parole „Luxus für alle“ umschreiben könnte. Als konkretes Beispiel würden mir spontan die Proteste gegen den Frankfurter Opernball einfallen (bspw. 2006 unter dem Motto: “Gegen Sozialabbau und Innere Aufrüstung – Luxus für Alle!”). Der Ansatz ist mir deswegen ganz sympathisch, da „[e]ine Kapitalismuskritik vom Standpunkt der Konsumtionssphäre argumentiert, dass die Kritik des Kapitalismus nicht hinter dessen Errungenschaften zurückfallen dürfte“ (Adamczak, S. 72). Erstmal ja gar nicht schlecht, insbesondere für Linke aus den Metropolen, die ihren Standard halten wollen. Genau dort setzt auch die Kritik von Adamczak an, die diesem Standpunkt vorwirft:

In der Parole ‚Luxus für alle!‘ wird zwar der Ausschluss der Mehrheit der Weltbevölkerung vom gesellschaftlichen Reichtum kritisiert, aber die Formbestimmtheit dieses Reichtums kommt selbst nicht in die Perspektive der Kritik. [..] [V]or allem wird die Konsum-Monade, der Individualismus des Konsums und die Trennung von Konsumtions- und Produktionssphäre übernommen.
- Adamczak S. 72

Die Behauptung, dass notwendigerweise die Formbestimmtheit des Reichtums aus dem Blick geraten würde, kann ich so nicht nachvollziehen. Natürlich besteht die Gefahr. Aber die besteht auch bei ganz anderen Ansätzen und mir erscheint der Schluss nicht logisch zwingend. Es bleibt also eine Herausforderung an linke und kommunistische Theorie dieser Falle durch eine Kritik der kapitalistischen Form zum umgehen.
Anders der Vorwurf der Beibehaltung der Trennung von Konsumtions- und Produktuionssphäre. Würde man den Begriff Luxus in der aktuell gebräuchlichen Wortbedeutung nehmen, würde tatsächlich in der Hauptsache die Frage nach der Befriedigung von Bedürfnissen aufkommen, ohne deren Produktionsbedingungen direkt in den Blick zu nehmen. Weiterhin müsste man zumindest einen Teil dieser Luxus-Bedürfnisse sogar als Folge dieser Produktionsbedingungen entlarven. Dass es also nicht mit der Allgemeinverfügbarkeit von Kaviar und Schampus getan ist, wenn es um die Formulierung eines kommunistischen Begehren nach Luxus geht, dürfte klar sein.
Die Frage was der Begriff Luxus in einem kommunistischen Begehren (und ein solches wiederzuerwecken ist Anspruch des Buches) genauer bedeuten könnte, um die Formbestimmtheit der derzeitigen Reichtumsproduktion aufzusprengen, müsste erörert werden. Eine einfache Aufzählung von Waren, die man auch noch im Kommunismus gerne hätte, leistet diesen Bruch mit der kapitalistischen Form sicherlich nicht. Doch ist mir in letzter Zeit desöfteren ein Adorno Zitat in den Weiten des Internets begegnet, dass ein Begehren nach Luxus ausdrückt, aber nicht in der Formbestimmtheit des Kapitalismus verbleibt, sondern diese mitsamt der anhängigen Produktion herausfordert:

Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und läßt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, „sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung“ könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden. Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt der erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden
- Adorno in der minima moralia

Könnte nicht so der Kommunismus aussehen? Entsteht durch so ein Bild im Kontrast mit der Wirklichkeit nicht ein kommunistisches Begehren, welches glaubhaft dem Kapitalismus vorwerfen kann, die angehäuften Produktionsmöglichkeiten nicht für das Glück der Gattung Mensch, sondern gegen diese einzusetzen?


11 Antworten auf „Kommunistisches Begehren“


  1. 1 bikepunk 089 31. März 2008 um 15:14 Uhr

    So am Rande gefragt: Weist du wann und wo die Parole „Luxus für alle!“ aufgekommen ist. In meinem Gedächtnis ist die etwa gleichzeitig und zu gleichen Anlässen aufgekommen wie die Parole „Alles für alle!“ – also die Umsonstaktionen und so weiter 2003/2004. Aber ich bin mir nicht sicher, und einzelne Genoss_innen die ich gefragt habe verbinden die Parole so garnicht mit dieser Zeit. Hast du eine genauere Ahnung?

  2. 2 lea 31. März 2008 um 16:28 Uhr

    Zum Adamczak-Zitat: Hier wird doch deutlich, dass Adamczak dem Wort Luxus eben genau die inhaltlichen Implikationen zu Grunde legt, die er selbst in die Forderung hinein interpretiert. Die kritische Bestimmung dieser Forderung lässt sich aber eben nicht in eine kurze markige Parole pressen. Auf das Wort Luxus zurückzugreifen ist aber auch deshalb kein Fehler, da die Menschen mit Luxus zunächst einmal ein angenehmes Leben verbinden, in dem sie unbegrenzte Möglichkeiten der Bequemlichkeit besitzen, diese aber auch nutzen und genießen können (in Adornos Vision dann sogar die Freiheit haben, dies nicht zu müssen/wollen), da sie nicht mehr zum Verkauf ihrer Arbeitskraft gezwungen sind. Natürlich wird dabei auch an eine Villa, einen Maserati und andere relativ scheinhaften Bedürfnisse gedacht, aber der Grundkern der Luxusassoziationen lässt sich doch mit einer kommunistischen Forderung nach Luxus für Alle und einer weitergehenden Begriffsbestimmung durchaus vereinbaren und wirkt sich inhaltlich nicht automatisch affirmativ auf die bestehenden Produktionsverhältnisse aus.
    Das Adorno-Zitat ist im Bezug auf das Thema Forderung nach Luxus für Alle einfach nicht zu toppen.

  3. 3 lea 31. März 2008 um 16:30 Uhr

    Och, eigentlich sollte doch nur das „können“ und das „müssen/wollen“ fett gedruckt sein!

  4. 4 - revolution - 31. März 2008 um 17:06 Uhr

    @bikepunk also zeitlich gesehen, würde ich das auch in dieser zeitspanne einordnen, kenne die parole aber nur vom frankfurter opernball (und dem linksparteiwahlkampf 2005 *g*)

  5. 5 - revolution - 31. März 2008 um 17:06 Uhr

    @lea hab die formatierung für dich geändert, hoffe das passt so

  6. 6 bikepunk 089 01. April 2008 um 9:05 Uhr

    Ich meine mich zu erinnern, dass wir das auch viel gerufen haben wenn wir zu den Münchenr Montagsdemos gegangen sind.

    Meine Frage kommt daher, dass hier mal wieder die Parole „Luxus für alle“ als der „Ansatz“ vom Ums Ganze Bündnis ausgegeben wird (ein ähnlicher Artikel, mit ähnlicher Schlussfolgerung und ich glaube dem gleichen adorno-Zitat findet sich auch bei emanzipationoderbarbarei). Ich wüsste nicht, dass die Parole mit irgendeiner speziellen Praxis unterfüttert wird, und damit ist sie nur eine Parole – kein Ansatz. Zum Ansatz wirds, wenn die Leute wie ein Heuschreckenschwarm über das Büffett beim opernball herfallen.
    Als „Alles für alle, und zwar umsonst!“ der Demohit war, wurde auch Schwarzfahren, umsonst Konzerte oder das Schwimmbad besuchen als kollektive Praxis gepusht. Das war sicher nicht so toll und revolutionär, wie damals manchmal behauptet wurde, aber es wurden eh vorhandene Praktiken verbreitert und politisiert, es wurde versucht an ein paar alltagsrelevanten Punkten eine kollektive Stärke zu entwickeln.

    @lea „Hier wird doch deutlich, dass Adamczak dem Wort Luxus eben genau die inhaltlichen Implikationen zu Grunde legt, die er selbst in die Forderung hinein interpretiert“ – ist der Satz nicht iregendwie tautologisch?

  7. 7 - revolution - 01. April 2008 um 10:35 Uhr

    @Bikepunk hab grad den artikel bei eob nachgeschlagen. du meinst den hier?

    1. hab ich das nicht als ansatz des ums ganze bündnisses bezeichnet, sondern als den ansatz, der für die linksradikale mobilisierung zum opernball verwendet wurde. das würde sich erstmal auf die autonome antifa [f] beziehen. allerdings hat 2007 halt das ums ganze bündnis sich hinter diesen aufruf gestellt.

    2. wenn man die jetzigen bündnisbestrebungen, interventionistische linke und ums ganze bündnis, anschaut, dann würde ich mal behaupten, dass bei den il‘lern mehr das „alles für alle und zwar umsonst“ im vordergrund stand (alles für alle, die überflüßigen… wären so slogans/labels aus diesem spektrum) und die luxus für alle parole verbinde ich wirklich eindeutig mit dem opernball.

    dass das jetzt in der realität nicht so trennscharf war, ist mir schon klar. aber diese parolen waren, so würde ich das mal bezeichnen, die kampagnentitel für die neubeschäftigung mit der sozialen frage in der radikalen linken und da gab es eben auch unterschiedliche ansätze, die unterschiedliche parolen/losungen/motto hervorgebracht haben.

  8. 8 lea 01. April 2008 um 11:41 Uhr

    @bikepunk:
    irgendwie auf jeden Fall. Was ich meinte wäre wohl besser mit:
    …eben genau die inhaltlichen Implikationen vorwirft, die lediglich er selbst in die Forderung hinein interpretiert…. ausgedrückt gewesen.

    Ich erinnere mich übrigens an einen kanalB-Bericht über den 1. Mai in Berlin so 2001 (kann mich beim Jahr auch irren), als die Parole zum Ansatz wurde und eine critical mass vom Buffet im Innenhof eines Nobelhotels schnabulieren wollte… was allerdings durch die Polizei größtenteils verhindert wurde.

  9. 9 - revolution - 01. April 2008 um 17:04 Uhr

    @lea meinst du die maisteine-kampagne? die war 2004 und 2005

  10. 10 lea 02. April 2008 um 8:26 Uhr

    Rischtisch!

  11. 11 bikepunk 089 02. April 2008 um 16:09 Uhr

    @revolution
    Yep, den eob Artikel hab ich gemeint.
    Deine Zusammenfassung wer hinter welcher der Parolen steht triffts ganz gut. Wobei ich nach wie vor den prinzipiellen Unterschied sehe, dass die Gruppen, die jetzt die Partei IL sind versucht haben eine Praxis um Aneignung herum zu organisieren.

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