Die Linke und die Nation

Während in weiten Teilen der Welt kaum Widerspruch gegen einen sogenannten Linksnationalismus besteht bzw. dieser sogar eine hegemoniale Stellung innerhalb der Linken besetzt (Venezuela, ETA, …), ist in Deutschland die Problematik der Nation um einiges kontrovereser diskutiert. Insbesondere die deutsche Geschichte macht einen positiven Bezug auf die Nation problematisch. Trotzdem gibt es auch in der BRD immer wieder Versuche das Thema Nation von links zu besetzen. Das prominenteste Beispiel hierfür ist wohl Oskar Lafontaine und sein unsäglicher ‚Schutz vor Fremdarbeitern‘. Aber nicht nur in der Linkspartei gibt es regelmäßig solche Versuche sich dieses Thema anzueigenen, sondern auch in anderen Zusammenhängen wird so etwas diskutiert, bspw. die DKP-Theoriezeitung ‚marxistische Bätter‘, die vor kurzem ein Heft mit dem Titel ‚Die Linke und das Nationale‘ veröffentlicht hat .
Diese Debatte wurde auch in dem beliebten Antiimp-Blatt ‚Junge Welt‘ nochmal aufgegriffen. Begonnen wurde mit einem Beitrag von Thomas Wagner, der erfreulicher Weise eine solche Aneignung zurückgewiesen und auf die Probleme solcher Versuche aufmerksam gemacht hat. Auch wenn ich anders argumentieren würde, war dies für ‚Junge Welt‘-Verhältnisse recht progressiv. Aber wie sollte es anders sein, erfolgt prompt eine nationale Reaktion in Form des heute erschienen Beitrags von Domenico Losurdo mit dem Titel ‚Kampf um ein Schlüsselwort – Die Linke sollte die Idee der Nation nicht preisgeben‘… klingt vielversprechend:

Am Anfang muss erstmal die obligatorische Abgrenzung zur NS-Zeit erfolgen. Dies geschieht durch die Behauptung, dass Nazis sich progressive Begriffe wie Sozialismus oder auch Nation nur aneignen, um sie dann in einer verzerrten Art und Weise in ihrem Sinne zu ‚missbrauchen‘. Denn, so seine Behauptung, eigentlich steht die Nation für die Werte der französischen Revolution und wurde dann nur ‚falsch‘ gebraucht:

Diese Idee setzt sich mit der französischen Revolution durch und verweist im Inneren auf die égalité (Gleichheit), die zwischen freien Bürgern herrschen müsse, und auf internationaler Ebene auf die fraternité (Brüderlichkeit) gerade zwischen den Nationen. Es stimmt, später hat der Imperialismus versucht, die Idee der Nation auszunutzen, indem er sie in exklusivem Sinne neuinterpretierte. Aber es handelt sich um ein Vorgehen, das jenem ähnelt, dem wir schon in bezug auf »Demokratie« und »Sozialismus« begegnet sind.

Da fängt der Fehler schon an. Erstens stimmt es natürlich, dass die Idee der Nation aus der ersten bürgerlichen Revolution in Frankreich stammt, allerdings ist die Nation in Deutschland nicht durch eine bürgerliche Revolution zustande gekommen, sondern von oben herab als Verbund völkischer Einheit explizit auch gegen Frankreich und dessen Revolution gegründet worden. Was zweitens dann auch zu einer Unterscheidung zwischen einer Staatsbürgernation wie Frankreich und einer völkischen Kulturnation wie Deutschland führt. Diese begriffliche Differenzierung wird bei Losurdo aber unterschlagen, wodurch die Problematik insbesondere eines deutschen Nationen-Begriffs schon ausgeblendet wird (dazu gleich mehr). Drittens muss die Idee der Nation konstitutiv ein ‚Anderes‘, ein ‚Außen‘ ent-/verwerfen, um sich selbst als Nation abgrenzen zu können. Dass dieses ‚Außen‘ in einem brüderlichen Verhältnis zur eigenen Nation steht, mag durchaus mal vorkommen, genauso kann es aber auch als das Böse schlechthin der Vernichtung preisgegeben werden. Das Verhältnis zum ‚Außen‘ liegt in einem Kontinuum zwischne Freundschaft und Vernichtung und ist abhängig von den Kräfteverhältnissen und der sozialen Situation innerhalb der Nation. Und schlußendlich viertens, die Gleichheit in der Nation: diese wird erstens erkauft durch eine zwanghafte Homogenisierung innerhalb der Nation (Vereinheitlichung von Kultur, Sprache und Staat) und zweitens durch eine Ungleichheit gegenüber dem ‚Außen‘ (nur Bürger sind vor dem Gesetz gleich, wer nicht Bürger eines Nationalstaates ist, kann nicht gleich sein). D.h. die Opfer der Gleichheit in der Nation einmal im ‚Inneren‘ und einmal nach ‚Außen‘ (und in der Figur des Migranten auch des ‚Außen‘ im ‚Innen‘) werden hier einfach ausgeblendet, genauso wie die latente Drohung alles ‚Nicht-Gleiche‘ durch Vernichtung auszulöschen. Für eine genauere Beschreibung der Nationenbildung und ihrer konstitutiven Opfer vgl. Benedict Anderson – ‚Die Erfindung der Nation‘.

Um die deutsche Spezifik des Nationenbegriffes und seine Anschlussfähigkeit an den NS durch seine völkische Besetzung zu verwischen, versucht er die Idee der Nation und der Rasse zu trennen und den NS eindeutig nur auf den Rassebegriff zu beziehen:

In Wahrheit wollte die Partei Hitlers nicht die der »Deutschen«, sondern die der »Arier« sein und dies bedeutete von Anfang an eine radikale Auseinanderreißung der deutschen Nation. Ausgeschlossen und verfolgt wurden die »Rheinlandbastarde« (die Kinder, die aus der Verbindung zwischen Soldaten afrikanischer Herkunft der französischen Besatzungstruppen und deutschen Frauen geboren waren), die Juden, die Zigeuner, alle diejenigen, die sich der »Rassenschande« schuldig machten, wenn sie sich mit den »niederen« Rassen einließen; schließlich die Sozialisten, die Kommunisten und alle diejenigen, die sich ebenfalls als »Rassenfremde« erwiesen, wenn sie die »Rassenschande« begünstigten oder duldeten.

»Nation« und »Rasse« sind keineswegs dasselbe: Die erste gründet auf der Idee der Gleichheit der Bürger, die zweite auf der Idee der Ungleichheit.

Er unterschlägt damit natürlich, dass die Rasse bzw. das rassisch reine Volk, die Volksgemeinschaft, die Basis für die deutsche Nation in der NS-Zeit dargestellt hat. Genau dass in der Volksgemeinschaft das Konzept der Nation und das der Rasse versucht wurden deckungsgleich zu machen und dies auch (fast) gelang, ist ja die Konsequenz der völkischen Wurzeln der deutschen Nation und die Hypothek mit der dieses Konzept in Deutschland noch immer belastet ist. Sein Versuch den Begriff der Nation von der NS-Zeit reinzuwaschen, verschleiert damit die Spezifik des deutschen Nationalismus. Dass eben die Zugehörigkeit der Bürger rassisch bestimmt wird und damit rassische Abweichung zum Ausschluss aus der Nation der deutschen Volksgemeinschaft führt, kann er nicht verstehen.

Aber selbst wenn man sich nur auf einen Staatsbürger-Nationalismus französischer Prägung beziehen würde, bringt das Probleme mit sich (deren konstitutive Ausschlüsse wurden oben schon kurz angerissen und können nochmal bei Anderson nachgelesen werden). Seine Verweise auf nationale Befreiungskriege, insbesondere solche unter Führung der jeweiligen kommunistischen Partei, sollen beweisen, welche progressiven Errungenschaften mit einem Bezug auf die Nation erreicht werden können. Dass diese nicht mehr als eine nachholende Modernisierung im Schutze eines nationalstaatlichen Protektionismus vorweisen können und damit kein erfolgreiches Revolutionsmodell, sondern Entwicklungsdiktatur sind, will Losurdo nicht wahrnehmen, sondern fabuliert, dass nach der politischen Unabhängigkeit (womit er wohl die nationale Befreiung meint) nun als zweite Etappe der ökonomischen Unabhängigkeit erkämpft würde…. d.h. China hat nur noch eine Etappe auf dem Weg zum Sozialismus.
Seine Vorstellung von Sozialismus entspricht damit eher einem nationalen Ethnopluralismus wie in die Nazis vertreten (jedem Volk seine Nation, jeder Nation ihren Sozialismus), anstatt einer kommunistischen Welt-Gesellschaft der freien Assoziation der freien Individuen. Denn die individuelle Freiheit gibt es bei ihm gar nicht, sondern wird durch nationale Souveränität ersetzt. Dass dies eine Unterordnung des Individuum unter die Nation bedeutet und damit genau einer kommunistischen-individuellen Emanzipation im Wege steht, wird erst gar nicht problematisiert.
Diese Diskrepanz zwischen meiner und Losurdos Position liegt aber wahrscheinlich nicht in einem Missverständnis oder einer Fehlinterpration bestimmter Konzepte, sondern schlicht und ergreifend in unterschiedlichen Zielen. Besonders deutlich wird das an Losurdos Schlussfolgerung am Ende des Artikels. Dort wird nämlich deutlich, dass es ihm überhaupt nicht um Kommunismus, sondern nur um einen Kampf gegen die USA, d.h. um eine antiimperialistische Internationale geht und in diese sind Nationalisten natürlich bestens integrierbar:

Die Anerkennung der Würde einer Nation ist perfekt kompatibel mit der Anerkennung der Würde der anderen Nationen. Nicht universalisierbar ist dagegen die von Bush jr. gepflegte Anschauung, wonach die USA die »von Gott auserwählte Nation« seien, die die Aufgabe habe, die Welt anzuführen, eine Anschauung, die nur zu furchtbaren Konflikten führen kann. Heutzutage wird der fanatischste Chauvinismus von den Vereinigten Staaten repräsentiert, und diesem Chauvinismus (oder Imperialismus) muß mit dem Kampf um die Gleichheit der Nationen begegnet werden.

In diesem Sinne: Gegen Nation & Kapital! Für den kosmopolitischen Kommunismus!

P.S. und in diesem Bestreben auch ein Kampf gegen Antiamerikanismus und nationalen Antiimperialismus wie er sich in diesem Artikel in der Jungen Welt wieder einmal beispielhaft gezeigt hat


4 Antworten auf „Die Linke und die Nation“


  1. 1 Lea 05. Juli 2008 um 12:13 Uhr

    Find ich gut, dass du dir immer wieder die Mühe machst, die junge Welt zu durchforsten und Leuten wie mir Argumente für ihr pauschales Vorurteil gegen dieses Blatt lieferst, mit dem sie dann ihre bequemliche Noch-nie-Lektüre rechtfertigen können.:)

    greetz & see ya,

    lea

  2. 2 - revolution - 05. Juli 2008 um 14:05 Uhr

    vielleicht sollte ich in der art des bild-blogs nen junge-welt-blog eröffnen und immer die scheiß-artikel kommentieren :-)

  3. 3 Benjamin 31. Juli 2008 um 22:25 Uhr

    junge-welt-blog wäre großartg. ich würde mitmachen!

  4. 4 - revolution - 01. August 2008 um 9:33 Uhr

    naja, abwarten. eigentlich finde ich andere sachen interessanter als junge welt, die drängt sich nur immer so auf :-)

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