Wer hat noch nicht, wer will noch mal…

So oder so ähnlich scheint die Junge Welt bei der Auswahl ihrer Artikel vorzugehen, wenn es sich um ihre Lieblingsfeindbilder Israel und USA handelt. Denn offensichtlich wird jedem, der ein paar Ressentiments zu Papier bringen kann, Platz in der Zeitung eingeräumt. In den letzten 2 Tagen gab es wieder solche ‚kritischen‘ Auseinandersetzungen, die ich diesesmal eher knapp abhandeln möchte:

Allamerican Bullshit (Junge Welt, 29.7.08)

Dieser Artikel von Helmut Höge wäre eigentlich besser in den Publikationen des Vereins für deutsche Sprache aufgehoben, aber auf Grund seines Antiamerikanismus scheint er auch in die Junge Welt zu passen. Was ist also Höge’s Problem, dem er einen ganzen Artikel widmet? Der Neoliberalismus, der nicht nur den rheinischen Kapitalismus kaputt gemacht hat, sondern auch noch die schöne deutsche Sprache mit allen möglichen Anglizismen verunstaltet. Wie der Neoliberalismus selbst in linken Kreisen seit zerstörerisches Werk vollzieht, zeigt sich bspw. daran, dass „[d]er Kampftag der Arbeiterklasse [..] nun »Mayday«, Flugblätter »Flyer«, Diskussionspapiere »Hand-Outs«“ heißen… welch Ungemach, wenn deutsche Linke eingedeutschte englische Wörter benutzen. So kann man ja keine Revolution machen. Aber nicht nur die Form, auch die Inhalte werden einem im englischen diktiert: „Unablässig ist von »Gender«, »Queer«, »Afterwork, »Human Rights«, »Networking« und ähnlichem Quatsch die Rede.“ Bei Elsässer nennt sich dies noch postmodernes Schnulli-Pulli (Artikel: Rettet unsere Kohle, Junge Welt, 23.1.08) hier gleich nur noch ‚Quatsch‘. Nun wissen wir ja alle, dass die Junge Welt, das eine oder andere Mal über das Ziel hinausschießt, aber Höge wollte die bisherigen Ausfälle noch einmal toppen. So versteigt er sich zu der Behauptung, die Benutzung von Anglizismen insbesondere in der Jugend, wäre das selbe wie die Begeisterung für den Faschismus:

Mit der selben Begeisterung, mit der die im Jünger-Jargon schwelgende Jugendbewegung sich einst für die Nazis einsetzte, brechen die juvenilen Massen nun dem Allamerican Bullshit Bahn.

Anschließend ergeht er sich noch in Spekulationen, dass diese ganze Amerikanisierung versuche den Klassenkampf zu Gunsten eines ‚politischen Konums‘ (also nur bei den ‚guten‘ Konzernen kaufen und die anderen boykottieren etc.) zu verdrängen… antiamerikanische Paranoia getarnt als Sorge um den Klassenkampf. Der Erkenntniswert des Artikels tendiert gegen Null, dafür erfährt man einiges über die Ressentiments, die offensichtlich in der Jungen Welt Redaktion gepflegt werden.

Die Vorposten-Ideologie (Junge Welt, 31.7.08)

Norman Paech, Bundestagsabgeordneter und außenpolitischer Sprecher der Linken, bekannt und beliebt wegen seinem Konflikt mit dem BAK Shalom, schreibt in der Jungen Welt einen Artikel zum Thema Israel. Schon der Titel des Artikels lässt eine Aufwärmung der alten Leier von ‚Israel als Vorposten des amerikanischen Imperialismus‘ erwarten, wird aber noch mit einigen Infos über den kolonialistischen und rassistischen Gehalt des Zionismus und Israels angebliche Expansionsbestrebungen ergänzt. Wie kommt der Herr Paech also zu seinem Thema? Er beschäftigt sich mit dem Islamismus und da kommt man, so seine Behauptung, nicht daran vorbei, den Zionismus genauer zu betrachten. Wo besteht da der Zusammenhang? Das erklärt Paech ganz eloquent so:

Der Anspruch, einen religiös fundierten Judenstaat in Nahost zu errichten und seine Grenzen Zug um Zug auf Kosten der dort lebenden Palästinenser zu erweitern, kann nicht auf das Verständnis der Araber zählen, deren Rechtsbewußtsein so nachhaltig verletzt wird. Da auch die Großmächte und die UNO, die Israels Existenz garantieren, den Verdrängten keine Perspektive bieten, wächst angesichts eines militärisch hochgerüsteten, über Atomwaffen verfügenden und zudem die Resolutionen der UNO permanent mißachtenden Israel ein islamischer Fundamentalismus heran, der in seiner politischen wie militärischen Ohnmacht dann zur Gewalt aus Verzweiflung greift.

Also Israel, beschützt vom Rest der Welt, verstößt gegen das Rechtsempfinden der Araber (die hier offensichtlich als völkisches Kollektiv adressiert werden), die sich leider nicht anders zu helfen wissen, als mit Terror gegen die Zivilbevölkerung Israels vorzugehen, aber das ist natürlich die Schuld Israels, die solche Reaktionen ja geradezu provoziert haben. Aber eigentlich geht es im natürlich nur um eine ‚Kritik‘ der israelischen Regierung, aber wie durch ein Wunder, muss er dann doch den Zionismus grundsätzlich kritisieren:

Doch worum geht es? Weder um das eine noch das andere. Es geht um die Kritik an der Politik der israelischen Regierungen gegenüber den Palästinensern – und diese Kritik ist noch kein Antizionismus, der sich als grundsätzliche Ablehnung der zionistischen Ideologie versteht. Wer jedoch die Kritik nicht verbieten will – zu der uns die israelische Friedensbewegung immer wieder ausdrücklich auffordert –, kann den Zionismus nicht aussparen: die Gründungs- und Staatsräson Israels und das ideologische Beet aller israelischen Politik, in dem sie immer noch fest verwurzelt ist.

In seiner Betrachtung des Zionismus gräbt er verschiedenste Zitate aus Publikationen des vorletzten und letzten Jahrhunderts aus, die er collagen-artig zusammenstückelt, bis sie das gewünschte Bild ergeben. Israel verstehe sich selbst als Vorposten gegen die islamische Barbarei im Auftrag des Westens und müsse deswegen in kolonialistischer Manier die Palästinenser unterdrücken usw. usf.. Israel ist also der Vorposten der westlichen Imperialisten, so die Quintessenz.

Diese Vorposten-Ideologie ist nur einer der Gründe dafür, daß Israel nie die Feindschaft seiner Nachbarn in ein friedliches Nebeneinander verwandeln konnte, vielleicht nicht einmal wollte.

Israel will also gar keinen Frieden (immerhin räumt er ein, dass die arabischen Nachbarn auch nicht wirklich viel dafür getan haben), sondern, so seine weitere Behauptung, eigentlich will Israel ein Groß-Israel und dafür andere Territorien besetzen.

Ein jüdischer Staat war entstanden, der für Juden aus aller Welt Rettung, Fluchtpunkt und neue Heimat sein konnte. Er mußte nur seinen Frieden mit den arabischen Nachbarn finden. Daß ihm dies nicht gelang, lag eben daran, daß auch nach Ben Gurion immer wieder Vertreter jenes Zionismus die politische Führung übernahmen, die der Expansion über die Grenzen von 1948 hinaus absoluten Vorrang vor der Integration gaben. Sie wurden dabei bedingungslos von den USA, aber auch von den westeuropäischen Staaten unterstützt. Nur so konnten nach dem Sieg 1967 alle nachfolgenden Regierungen bis Ehud Olmert ihren zionistischen Traum von Erez Israel mittels Siedlungsbau, Landraub, Annexion und Mauerbau verfolgen.

Schlußendlich ist Israel also sowohl Vorposten des Westen, kolonialistischer & rassistischer Unterdrücker der Palästinenser und heimlich damit beschäftigt die Region ganz zu übernehmen (warum Israel dann die in einige Kriegen eroberten Gebiete immer wieder zurückgibt, wird nicht erklärt), wohingegen die Araber bzw. die Palästinenser nur arme Unterdrückte sind, denen von Israel die Hinwendung zum islamistischen Extremismus und zum Terror gegen die Zivilbeövlkerung geradezu aufgenötigt wird…

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Nachdem ich jetzt schon einige Zeit immer wieder solche Artikel in der Jungen Welt finde und kommentiere, überraschen mich die inhaltlichen Aussagen eigentlich nicht mehr besonders, aber dass diese so offensichtlich vertreten werden, sich so wenige Leute daran stören und dass die Junge Welt aber trotzdem mit dem Rausschmiss von Elsässer bemüht ist, nicht zu sehr in die national-bolschewistische Ecke gedrängt zu werden, passt eigentlich nicht zusammen. Aber offensichtlich muss das Mutterschiff des deutschen Antiimperialismus doch ab und zu aus Imagepflege gewisse Abgrenzungen vornehmen, nur um dann wie oben beschrieben, die gleiche inhaltliche Linie fortzusetzen. Mal schauen, wann mir die Lust vergeht, diesen Unsinn immer wieder zu lesen.


9 Antworten auf „Wer hat noch nicht, wer will noch mal…“


  1. 1 Benjamin 31. Juli 2008 um 22:22 Uhr

    da gib ich dir absolut recht. schöner artikel. vor kurzem kam noch was anderes zum iran / afghanistan und den „üblichen aggressoren“ in dieser „zeitung“. frau genossin buchholz hat sich angeschickt dafür als interviewpartnerin die richtig fragen zu stellen:

    http://www.benjamin-krueger.net/?p=244

  2. 2 phex 31. Juli 2008 um 23:13 Uhr

    da das „Revolution“ in deinem Header (Köpfer?) klein geschrieben ist, scheint es sich ja um das amerikanische revolution zu handeln.
    Konterrevolutionär!!!

  3. 3 - revolution - 01. August 2008 um 9:25 Uhr

    ich möchte daran erinnern, dass auch die raf alles klein geschrieben hat :-)

  4. 4 Lea 02. August 2008 um 11:17 Uhr

    Uaaaa, das is ja sowas von eklig. Am nervigsten finde ich solche kurze, scheinbar belanglose Zwischensätze wie

    Wer jedoch die Kritik nicht verbieten will – zu der uns die israelische Friedensbewegung immer wieder ausdrücklich auffordert –, kann den Zionismus nicht aussparen:

    , wobei dann immer die israelische Linke als Legitimationsinstanz für den antisemitischen Müll von Paech, Gehrke, Pirker und Co herhalten muss. Das finden die bestimmt genauso geil, wie sich wohl einige deutsche Indymedia-LeserInnen über solche Bilder von Anarchists against the wall freuen.

  5. 5 lyzi 09. Oktober 2008 um 15:50 Uhr

    „ich möchte daran erinnern, dass auch die raf alles klein geschrieben hat“

    und die war ja geradezu der vorposten eine selbstreflexiv-kritischen, pro-israelischen revolutionsbewegung! jippie!!

  6. 6 - revolution - 09. Oktober 2008 um 16:51 Uhr

    was sagt uns das jetzt? weder bin ich pro-israelisch, noch teile ich die lächerlichen distinktionsbemühungen mancher antideutscher von der raf.

  7. 7 lyzi 09. Oktober 2008 um 19:25 Uhr

    Wenn man damit nie was zu tun gehabt hat, muss man sich auch nicht um „Distinktion bemühen“. Weswegen wiederum die Antideutschen schon wissen, weshalb sies machen, bei denen blitzt ja regelmäßig noch die Mao-Neurose auf.

    Warum allerdings eine ungehobelte, ungebildete, unfähige, analphabetische, schlecht organisierte und schlecht bewaffnete moderne Raubritterbande überhaupt Gegenstand des Interesses von Kommunisten ist, wüsste ich sowieso schon länger mal gerne…

  8. 8 - revolution - 09. Oktober 2008 um 20:30 Uhr

    du scheinst ja unglaublich genau bescheid zu wissen über distinktion und die unverarbeiteten macken der antideutschen und willst trotzdem nicht verstehen, warum sich komunistInnen mit der geschichte der sozialen kämpfe und deren akteurInnen auseinandersetzen?
    deine einschätzung der raf scheint ja auch aus einer gewissen auseinandersetzung mit diesem phänomen entstanden zu sein…

  1. 1 BAK Shalom der Linksjugend [’solid] » DIE LINKE » Norman Paech – Vorposten des Antizionismus im Bundestag Pingback am 07. Dezember 2008 um 12:12 Uhr
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