Das Prinzip Kosovo

Nachdem der Westen in einem langjährigen Krieg Yugoslawien zerschlagen und mit der Unabhängigkeit des Kosovo noch die letzten Reste zerstückelt hat, ist insbesondere der Präzedenzfall Kosovo nun Anlass für geopolitische Verschiebungen im Kaukasus. Mit den mehrheitlich russisch bewohnten (diese Situation wurde durch die Ausgabe russischer Pässe auch gezielt herbeigeführt), abtrünnigen Provinzen Süd-Ossetien und Abchasien hat nämlich Georgien jetzt genau den selben Fall, nur dass diesesmal das Land selbst gen Westen strebt, während die abtrünnigen Provinzen sich an Russland annähern. Georgien, das trotz der Ablehnung seines sofortigen Beitritts in die NATO vom Westen protegiert und aufgerüstet wurde, versucht nun militärisch die abtrünnigen Provinzen wieder in das staatliche Gefüge einzupassen. Dass Russland, das schon ohnmächtig die Zerschlagung Yugoslawiens mitanschauen musste, diesen Verlust seiner Einflusssphäre direkt vor seiner Haustüre hinnehmen würde, war nicht anzunehmen. Umso erstaunlicher dass Georgien zum jetzigen Zeitpunkt damit einen offenen Krieg mit Russland riskiert. Offensichtlich gab es Hoffnungen, der Westen würde auf Seiten Georgiens eingreifen, was sich bisher aber nicht abzeichnet.
Der Konflikt um Südossetien ist der offenste und aktuellste, aber im Endeffekt gibt es derzeit verschiedene Konfliktherde, die immer nach einem ähnlichen Schemata funktionieren. Grundlegend geht es um geopolitische Einflusssphären, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nun neu aufgeteilt werden. Mit der Zerschlagung Yugoslawiens hat der Westen und insbesondere Deutsch-Europa seinen Einfluss auf dem Balkan massiv ausbauen können, während Russland deutlich verloren hatte. Mit dem US-Raketenschild in Polen und Tschechien, ständigen Erweiterungen oder geplanten Erweiterungen der NATO in Richtung Russland und verschiedenen ‚orangen Revolutionen‘ in ehemaligen russichen Einflusszonen ist der Westen schon deutlich vorgerückt, während Russland erst wieder seinen Weg zur Weltmacht-Position gefunden hat. Mit Südossetien macht Russland jetzt das erste mal blutig klar, dass eine weitere Erosion seiner Einflusssphären nicht mehr hingenommen wird. Ob, wie Georgien behauptet, tatsächlich ein Krieg gegen Georgien oder nur ein Kampf um die abtrünnige Provinz stattfindet, wird sich noch zeigen.
Eigentlich hätte ich eher eine Eskakalation im ähnlich gelagerten Tibet-Konflikt erwartet, da China als Olympia-Gastgeberland dort medial verletzbar gewesen wäre. Die weltweiten Proteste vor chinesischen Botschaften hatten sowas auch vermuten lassen. Auch in Tibet versucht der Westen durch eine geschickte Unterstützung des DalaiLamas und seiner Seperatisten-Clique China als Weltmacht zu schwächen, auch um die Gefahr (para-)militärischer Eskalation.
Für mich stellt sich die Situation derzeit so dar, dass mit dem Präzendenzfall Kosovo ein weltweiter Wettlauf begonnen hat, in dem meist der Westen versucht anhand abtrünniger Provinzen Weltmacht-Konkurrenten zu destabilisieren, die dementsprechend reagieren. Mit Russlands Südossetien-Politik dreht sich der Spieß erstmals um und es bleibt abzuwarten ob der Westen zuschaut oder eingreift. Auf alle Fälle bieten diese Konflikte viel Zündstoff für eine weitreichende Eskalation, bleibt nur zu hoffen, dass sich dies nicht zu einem Flächenbarnd ausweitet.


4 Antworten auf „Das Prinzip Kosovo“


  1. 1 /parole/ 12. August 2008 um 22:01 Uhr

    Tja, und heute – von einem Tag auf den anderen – das Ende der Kämpfe. Scheint als wollte Russland wirklich mit kontrollierter Agression ein Exempel statuieren. Es stand ja nie wirklich außer Zweifel, dass die russische Armee die geringsten Probleme mit Georgien hätte – auch wenn noch 2.000 georgische Soldat_innen von den USA aus dem Irak nach Georgien geflogen wurden.
    Doch was dachte sich ein Saakaschwili? Oder musste er sich überhaupt etwas denken? War es denn überhaupt absehbar, dass Russland eingreift und dann auch noch aktiv und mit solch geballter Energie? Medial wird ja oft so getan, als ob Saakaschwili wahnsinnig wäre oder sich himmelhoch verschätzt hätte. Okay, vielleicht spekulierte er auch auf „den Westen“. Da wäre die Rechnung dann falsch gewesen.
    Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Reaktion Russlands vor einer Woche absehbar war. Oft genug kommt es in Grenzgebieten zu Konflikten, ohne dass gleich ein großer Teil der Militärmaschinerie mobilisiert wird. Hier waren binnen weniger Stunden bzw. Tage ganze Einheiten mobil und vor Ort. Und die Passpolitik Russlands und die Verteidigung von Russ_innen in Ossetien wird dann merkwürdig, wenn eins an den sonst üblichen Umgang Russlands mit seiner Bevölkerung denkt.
    Ein_e Schelm_in, wer da lange strategische Planungen auf russischer Seite vermutet…

  2. 2 - revolution - 13. August 2008 um 9:37 Uhr

    Ganz interessant zum Thema, was dachte Saakaschwili, fand ich den Artikel von Michail Gorbatschow: hier
    Denn grundsätzlich war der Zeitpunkt für Georgiens Aktion nicht ’schlecht‘ gewählt: Olympia-Eröffnung, Putin außerhalb des Landes, vor Kurzem noch Vermittlungen durch Steinmeier… und trotzdem scheint Russland das geahnt zu haben und war vorbereitet. In den letzten Tagen schien ein Eingreifen des Westens auch nicht mehr ganz ausgeschlossen, zumindest die USA haben ganz schön rumgeprollt und Georgien hatte ne Extra-NATO-Sitzung einberufen. Mal schauen ob sich das jetzt wirklich wieder beruhigt und keine größere Eskalation ansteht.

  3. 3 /parole/ 13. August 2008 um 23:08 Uhr

    Ein Resultat dieses 5-Tage-Krieges (ich nenn ihn einfach mal so) ist, dass sich Georgien nun im (außen-)politischen Niemandsland befindet und sich in einer der schlechtesten Lagen seiner jungen Geschichte befindet.
    „Der Westen“ hatte außer ein paar tröstenden und moralischen Worten keine weiteren Unterstützungen für Georgien übrig und behielt es sich vor, in diesem Konflikt anbei zu stehen und zuzusehen. Die NATO-Staaten werden auf lange Sicht den Teufel tun Georgien (und natürlich ähnlich situierte Länder) aufzunehmen. Art.5 hätte sie in diesem Fall verpflichtet gegen Russland in den Krieg zu ziehen. Auch allzu enge Kooperationen mit Georgien würden nur den Groll Russlands mit sich bringen. Dies war eine der Botschaften dieses Militärmanövers.
    Zu Russland sind die Beziehungen vergifteter denn je – welch Überraschung. Zudem sind die Süd-Ossetien und Abchasien endgültig verloren.
    In der arabischen Welt dürften die Sympathien auch ziemlich gering sein, schließlich gilt Georgien als westlich, christlich geprägt und ist zudem Besatzer im Irak.
    China stand (gemeinsam mit Südafrika) im Sicherheitsrat auf Seiten Russlands.

    Trotz der miserablen außenpolitischen Situation wird Georgien wohl weiterhin den Stiefellecker des „Westens“ spielen.
    Zumindest solange der angeschlagene Saakaschwili das Land (noch) regiert…

  1. 1 Blogschau zum Kaukasus « bikepunk 089 Pingback am 13. August 2008 um 22:45 Uhr
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