Es lebe der Grabenkampf!

Antideutsch vs. Antiimp. Ein beliebtes Spiel in der radikalen Linken, da einige ansonsten mit ihrer Zeit anscheinend nichts sinnvolles anfangen können. Langweilig ist insbesondere, dass an jedem neuen Konflikt natürlich auch tausend alte Streitereien aufgewärmt werden, die ähnlich wie in den vorangegangenen Auseinandersetzungen nur durch gegenseitige Vorwürfe, Rassist, Faschist oder Antisemit zu sein, ausgetragen werden können.
Aktuell gibt es bei Schorsch recht umfangreiche ‚Diskussionen‘ über den Ausschluss des Ca Ira-Verlages von der Nürnberger ‚Linken Literaturmesse‘, wie er in der Jungen Welt berichtet wurde. Ca Ira und die AG kritischer Theorie, die den Stand in Nürnberg betreut hatte, haben nun eine Presseerklärung herausgegeben, in denen sie zu den Vorwürfen und dem Ablauf des Rauswurfes Stellung beziehen. -> scheint als ob die Nürnberger Linke ihre bewährte Linie, als antideutsch-gebrandmarkte Gruppen & Meinungen von allem auszuschließen und zu denunzieren, weiter folgen würde. Denn auch ohne der Bahamas oder dem Antideutschen Katechismus zu folgen, kann man den Ca Ira Verlag als Bereicherung der Linken Literaturmesse ansehen.
Auch erst vor kurzem gab es einen ‚Anschlag‘ auf ein DKP Zentrum in Halle. Dabei wurden Scheiben eingeworfen und Sprüche (‚Save Israel‘, ‚Smash DKP/SDAJ‘ etc.) gesprüht, so dass als Urheber antideutsche Militante vermutet werden. Ganz abgesehen davon, dass Kritik am Antiimperialismus der DKP und der SDAJ natürlich eine Berechtigung hat, verlassen solche Formen der Auseinandersetzung jegliches tolerierbares Niveau. Die Gleichsetzung von Antiimperialisten mit Nazis, nicht nur verbal, sondern auch in der Praxis, ist bodenlos. Damit wird jede Kritik diskreditiert, mal abgesehen davon, dass sich die TäterInnen von einer weiteren Zusammenarbeit in linken Strukturen ausgeschlossen haben.
Das gleich Spiel, nur anders herum, gab’s bei der antinationalen Demo am 3.10. in Hamburg, als irgendwelche Vollpfosten versucht haben, unter Anwendung körperlicher Gewalt eine Israel-Fahne aus der Demo zu verbannen. Auch hier kann ich grundsätzlich einer Kritik, dass das Wedeln mit Staatsfahnen keinerlei progressiven Impetus hat und eben nicht als ‚das‘ Symbol für den Kampf gegen Antisemitismus anzusehen ist, sondern auch noch ganz andere Sachen mitrepräsentiert werden, zustimmen. Das kann aber nicht dazu führen, diese Fahnenfetischisten anzugreifen. Wenn jemand nach solchen plumpen Identitätslogiken funktioniert (wie natürlich diese ganzen Pali-Lappen- und NationalfahnenträgerInnen auch), dann kann man das kritisieren, aber nicht gewaltsam unterbinden. Das ist in einer heterogenen Linken auszuhalten. Wer das nicht kann und seinen Hass auf Israel durch Angriffe auf die weiß-blaue Fahne ausleben muss, sollte zum Psychologen und nicht in linke Strukturen.
Eine zum Glück nicht eskalierte Streitigkeit zum dem Thema, welche Fahne darf wohin, gab es auch beim Naziaufmarsch in München am 15.11.. Die Aufregung über diese einzelne Ami-Fahne kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen, insbesondere weil auf dieser Bündniskundgebung, wie immer bei breiten Bündnissen, allerhand skurrile Personen anwesend waren, die nicht meinen Ansprüchen entsprochen haben. Bikepunk089 findet die Auseinandersetzungen zu dem Thema amüsant, ich finde es ermüdend, langweilig und vor allem unnötig.

Anstatt, angesichts der Schwäche der radikalen Linken, irgendeine vernünftige Form für ‚friedliche Koexistenz‘ bei aller gegenseitigen Kritik zu finden, meinen wohl beide Seiten in zermürbenden Grabenkämpfen entweder eine strukturelle Hegemonie erringen oder zumindest durch das sektiererische Auftreten einen dauerhaften Schaden in den Strukturen des Gegners verursachen zu können. Und dann muss wieder die Rest-Linke für das revierbildende Abgrenzungsgehabe als Resonanzboden herhalten.


12 Antworten auf „Es lebe der Grabenkampf!“


  1. 1 bikepunk 089 27. November 2008 um 13:38 Uhr

    Zur Fahnenproblematik: Wenn du eine Demo inhaltlich mit bestimmst, gehört dazu auch die Auseinandersetzung mit den Fahnen die da gewedelt werden, weil das einfach ein ganz klarers Signal nach aussen sendet. Auf eine Vereinnahmung via Fahnenschwenken habe ich keinen Bock, und wenn die Wedelfraktion sich nicht durch klare Worte überzeugen lässt muss mensch vielleicht auch mal die Fahne pflücken oder die Leute aus der Demo schieben. Wenn so eine Situation genutzt wird, um ein eigene Aggros auszuleben ist das natürlich Scheisse.

    [ich wollte hier ursprünglich viel mehr schreiben, aber das wäre alles arg München spezifisch geworden. vielleicht mal in einem eigenem posting bei mir]

  2. 2 - revolution - 27. November 2008 um 15:18 Uhr

    Das ist doch genau der Punkt. MITbestimmen und eben nicht alleine bestimmen. Du kannst doch nicht ernsthaft hergehen und sagen, du wirst auch unter zuhilfenahme von Gewalt, alles entfernen, was dir nicht in den Kram passt. Dann geh ich nächstes Mal die SiKo-Demo ab und kassiere die Hälfte der Transpis ab oder wie? Dass dies zu Stress und evtl. auch zu Auseinandersetzungen führt, ist doch absehbar, weil sich niemand gerne seine Mitbestimmungsmöglichkeiten zensieren oder gleich abnehmen lässt.
    Und dann muss ich ernsthaft sagen, dass ich weniger Problem mit irgendwelchen Israel-/USA-Fahnen habe, als mit irgendwelchem Befreiungsnationalismus, Christen und anderen dubiosen Gestalten. Und trotzdem gehe ich auf die SiKo-Demo ohne mit dem öcalan-Fanclub Streit anzufangen, das erwarte ich aber umgekehrt eben auch.

  3. 3 bikepunk 089 27. November 2008 um 16:46 Uhr

    Ein kleiner Lokalpolitischer Hinweis aus München – auf linksradikal bestimmten Geschichten/ in unseren Blöcken bei grösseren Sachen laufen Nationalfahen nicht. Die Auseinandersetzung, die dann auf indy weiter geführt wurde, ist auch nicht gross der Rede wert – ich hatte es halt verlinkt, weil ich viele der kommentare lustig fand (Enver „Stalin“ Che!). Die eine Indydiskussion ist auf alle Fälle mal kein Indiz dafür, dass sich die Münchner Linke gerade wegen einer Fahne fetzt.

  4. 4 sozrev 27. November 2008 um 16:53 Uhr

    Und dann muss ich ernsthaft sagen, dass ich weniger Problem mit irgendwelchen Israel-/USA-Fahnen habe, als mit irgendwelchem Befreiungsnationalismus,

    Fast wollte ich fragen, wie du so was reaktionäres wie eine US Fahne mit irgendwelchen Tranpis auf einer Antikriegsdemo gleichsetzen kannst. Aber offensichtlich kannst du das, und wenn für dich die Hälfte der Tranpsis auf den Siko Demos in der gleiche Beklopptheitsliga spielen wie US-Fahnen, oder du den US-Nationalismus tatsächlich für progrssiver hältst als sämtliche Befreiungsnationalismen, dann muss ich ernsthaft fragen: Gehts noch?

  5. 5 - revolution - 27. November 2008 um 17:21 Uhr

    @bikepunk in dem internationalistischen block mag das sein, auf der demo insgesamt (obwohl es da schon beschlüsse dazu gab) wird das aber stets toleriert, zumindest wenn es sich um befreiungsnationalismen etc. handelt… mit ner israel- oder usa-fahne dort aufzulaufen, würde ich niemandem empfehlen

    @sozrev transpis auf ner antikriegsdemo können natürlich reaktionär sein, das hängt einzig und allein vom inhalt ab, der darauf zum ausdruck gebracht wird (und dass ich weder pazifist noch antiimp bin, was einen großteil der transpi-sprüche prägt, dürfte auch deutlich geworden sein). alles andere sind jetzt krude unterstellungen deinerseits. ich habe überhaupt nicht ausgeführt, warum ich damit weniger probleme habe. das interessiert dich offensichtlich aber auch nicht, sondern du willst dich nur an nem feindbild ‚antideutsch‘ abarbeiten.

  6. 6 sozrev 27. November 2008 um 17:57 Uhr

    Sicher kommts dauf an was auf den transpis steht. Es ist aber eben keine unterstellung meinerseits, dass du schreibst, dass du US Fahnen besser findest als irgendwelche Befreiungsnationalismen – damit hast du dir das label „antideutsch“ redlich verdient.
    Was ist den so toll am US-Nationalismus? Was ist denn an Befreiungsnationalismen Scheisse, was es beim Us Nationalismus nicht gäbe? Warst du einer der Horste, die auf der Versammlungsrechtdemo dauernd riefen „Für die Freiheit für das Leben, muss es US Panzer geben“?

  7. 7 - revolution - 27. November 2008 um 18:07 Uhr

    wenn du nicht in der lage bist begriffe und abstraktionsebenen auseinanderzuhalten, dann wird es einfach schwierig.
    was habe ich denn zum thema us-nationalismus gesagt? stimmt, null. was du mir da vorwirfst, ist reine projektion deinerseits (weshalb du mir auch zwanghaft das label antideutsch andichten musst).
    zwischen besser finden und gut finden, ist nämlich ein himmelweiter unterschied. dass ich auch mit usa-fahnen und dergleichen wenig anfangen kann und das grundsätzlich kritisiere, kannst du dem blogeintrag entnehmen.
    deine aggressive art mir hier irgendwelche sachen unterzuschieben ist bezeichnend für die sektiererische art und weise, in der diese auseinandersetzung geführt wird.

  8. 8 *MUC* 03. Dezember 2008 um 11:26 Uhr

    Na, mal abgesehen von allem anderem finde ich deine aneinanderreihung von „Grabenkämpfen“ komisch … In HH hauen sie sich, in Halle schmeissen sie Scheiben ein, in Nürnberg wird mit komischem Vorgehen ein Verlag von einer Messe ausgeschlossen (… und rechtfertigt im Nachhinein den Rauswurf, aber egal …) – Und in München dissen sich ein paar Leute in einer Kommentarspalte. Hurzschock!

    Also dass Beispiel gehört ja mal echt nicht in die Aufzählung. Dann war da noch die Frage von SOzRev, die du nicht beantwortet hast – was ist denn an einer Kurdistan-Fahne Scheisse, was an einer US-Fahne nicht auch beschissen ist?

  9. 9 - revolution - 03. Dezember 2008 um 16:16 Uhr

    Der Zusammenhang ist, dass alle Auseinandersetzungen sich auf diesen innerlinken Grabenkampf (AntiD vs. Antiimp) beziehen. Mehr Gemeinsamkeit haben die tatsächlich nicht, das kannste dann meinetwegen auch schlecht finden, aber in diesem Kontext steht dann auch die Erwähnung des Münchner Beispiels.

    Erstmal habe ich mehrmals deutlich gemacht, dass ich grundsätzlich Nationalfahnen/-symbole scheiße finde. ABER man muss schon ein bisschen den Kontext im Blick haben. Im Zuge einer Anti-Nazi-Aktion interpretiere ich eine Ami-Fahne als Identifikation mit den Befreiern oder als Provokation gegen die Nazis (die die Fahne genau deswegen als Provokation wahrnehmen, weil die USA den NS mitbeendet haben). Trotzdem finde ich es politisch falsch, kann aber eben auch noch Feindifferenzierungen vornehmen. Welches Verständnis sollte ich denn der politischen Position entgegenbringen, noch eine Nation gründen zu wollen? Darin kann ich beim besten Willen, nicht den Hauch einer emanzipatorischen Forderung erkennen. Die türkische Bourgeoisie durch eine kurdische zu ersetzen ist meines Erachtens nationalistische Folklore.

  10. 10 *MUC* 04. Dezember 2008 um 13:42 Uhr

    Aber hey, hast du mal gesehn wie irgendwelche Graue-Wölfe Freaks abgehen wenn sie ne PKK- oder Kurdistanfahne sehen? GRosses Kino leider meist ohne Untertitel!
    Andersrum vertritt doch die „Fahne-als-Provo“ Schiene kaum noch wer … das war vielleicht nocht vor ein paar Jahren in, wer heute ne Ami Fahne oder nen Union Jack auf die Demmo mitbringt meint das ernst.
    Es gab ja auch diese innerantideutsche Kritik daran, dass es falsch sei die Fahen als reine Provo zu instrumentalisieren.

  11. 11 - revolution - 04. Dezember 2008 um 14:45 Uhr

    @MUC Was willst du mir jetzt sagen? Wenn irgendwer türkische Faschos mit der Fahne provoziert, soll es mir recht sein, auch wenn ich nicht auf die Fahen bzw. die Bewegung stehe. Ich fange eben nicht an, anderen ihr Auftreten vorzuschreiben, solange das in der Spannbreite des linken Spektrums bleibt (ne Deutschland Fahne oder so wäre natürlich inakzeptabel).
    Ansonsten mag es allerhand antideutsche Kritik und Theorie zum Thema Fahne rumtragen geben, die mache ich mir aber nicht zu eigen.

  1. 1 Vom Drang dazu zugehören und andere auszusondern « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 26. November 2008 um 19:48 Uhr
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