Archiv der Kategorie 'Kommunismus'

Vorsicht, Piraten!

Nein, hier geht’s nicht um irgendwelche gekaperten Schiffe vor der Küste Somalias und auch nicht um den Fluch der Karibik, sondern um eine erheiternde Gerichtsposse: Der Prozess gegen die Betreiber der beliebten Internetseite „The Pirate Bay“.
Dort, so muss ich mir als Unkundiger aus den Artikeln zusammenreimen, kann man sich Adressen anzeigen lassen, wo man Spiele, Filme und was man sonst noch so braucht runterladen kann. Allerdings funkioniert das nicht mehr nach dem wohlbekannten Napster-Modus, wo man auf den Festplatten anderer Leute seine gewünschten Titel sucht und downloadet, sondern ist technisch wohl um einiges komplizierter. Insbesondere dass Pirate Bay weder die Sachen selber hostet, noch direkt einen Verweis auf eine Downloadquelle setzt, sondern stattdessen nur ermöglicht, dass sich Menschen, die etwas haben bzw. haben wollen so zusammenschalten, dass man nicht nur von einer, sondern gleich von mehreren Quellen saugt und sich diese Schwarmgebilde recht felxibel an Angebot und Nachfrage anpassen.
Soweit, so unverständlich. Ist aber erstmal auch recht egal, denn wie sich im Prozess gegen die Pirate Bay Betreiber in Schweden herausgestellt hat, durchsteigt selbst die Staatsanwaltschaft das System nicht ganz. Denn bereits in den ersten Prozesstagen musste die Hälfte der Anklage fallen gelassen werden, weil die zur Last gelegten Delikte so definitiv nicht begangen wurden… peinlich für die Staatsanwaltschaft und ein Sieg für die Pirate Bay Betreiber, die den Staat als sau blöde vorgeführt haben.
Ob der Rest der Anklage noch zu einer Verurteilung führt oder ob sich auch dies als angesichts der aktuellen Rechtslage als gegenstandslos erweist, steht noch nicht fest.
Mich begeistert nur, dass die Internetcommunity immer wieder die erbärmlichen Versuche von Industrie und Staat, geistige Eigentumsrechte im Internet durchzusetzen, so dermaßen auflaufen lässt… ein köstliches Schauspiel und ein Beweis für die Macht kollektiver Aneignung, selbst wenn diese nicht explizit politisch daher kommt.
Denn auch wenn The Pirate Bay wohl den Betreibern in der Hauptsache Werbeeinnahmen beschert, setzt sich doch ein Prinzip in diesem Umfeld durch: Alles für alle und zwar umsonst!
Und das ist ja schon mal nicht schlecht, ganz abgesehen von der Demonstration der staatlichen Unfähigkeit!
Berichte zu dem Schauspiel gab’s bei der taz:
taz I
taz II
taz III

Staat. Nation. Kapital. Scheiße.

Staat. Nation. Kapital. Scheiße.

Das Ums Ganze Bündnis macht ne antinationale Kampagne unter dem Motto „Staat. Nation. Kapital. Scheiße. Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit!”. Im Rahmen dieser Kampagne soll neben zahlreichen Diskussionsveranstaltungen auch kulturell einiges geboten werden. TOP Berlin feiert schonmal unter dem Motto „Kein Volk! Kein Staat! Lieber was zu saufen!“ , was sie wohl von Deichkind geklaut haben und haben auch schon einige Veranstaltungen angekündigt.
Zusätzlich soll es eine Grundsatzbroschüre des Ums Ganze Bündnisses geben: »Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit«
Inhalt ist:

Sie entwickelt auf 120 Seiten eine grundlegende Kritik des Staates innerhalb der globalen kapitalistischen Konkurrenz, und erklärt den Zusammenhang von Freiheit und Ohnmacht als grundlegenden, systemischen Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaftsordnung.

Ab März soll das Ding erhältlich sein, werd ich mir dann natürlich auch besorgen und hier besprechen.
Klingt vielversprechend und dürfte wohl gut zur nationalen Mobilmachung in Zeiten der Krise passen.

Die Krise kommt

und die ganze Blogwelt stürzt sich darauf. In den letzten Tagen spriesen die Blogeinträge zu diesem Themenkomplex wie die Pilze aus dem Boden und es gibt teilweise recht interessante Diskussionen. Ich will nun einen kleinen Überblick schaffen über gute Zusammenstellungen und Diskussionen:

Emanzipation oder Barbarei
hat einige lesenswerte Beiträge online gestellt. Insbesondere die Textsammlungen aktueller Einschätzungen ‚Theorie gegen verkürztes Krisenbewußtsein‘ I, II, III und IV stellen einen guten Überblick her. In seinem Beitrag ‚Staatsbubble‘ wird die Verschiebung der Immobilienblase in den Verantwortungsbereich des Staates genauer betrachtet.

Eine interessante Diskussion zur Rezeption der Finanzkrise in der wertkritischen Theorieströmung haben Schorsch und Lysis begonnen. Diese hat Schorsch in einem Beitrag zusammengestellt: hier

Interessant auch, dass die große Koalition im Windschatten der Finanzkrise schnell mal den Einsatz der Bundeswehr im Inneren beschließen wollte, nachdem die SPD aber kalte Füße bekommen hat, das ganze erstmal wieder auf Eis legen musste.
Ganz zufällig ist der Zeitpunkt mit Sicherheit nicht, denn man will wohl auf künftige Krisenerscheinungen vorbereitet sein, immerhin warnt die Polizei-Gewerkschaft schon vor Massendemos und Militanz.

Dass die Krise derzeit aber weniger Demos und Militanz, sondern Ideologie produziert, zeigt Hans-Werner Sinn, selbsternannter Experte, mit seiner unsäglichen Gleichsetzung von Antisemitismus mit Managerkritik, die er inzwischen auf öffentlichen Druck schon wieder revidiert hat.

Die radikale Linke sollte diese Aufmerksamkeit für die Krisenentwicklung des Kapitalismus nutzen, um aufzuklären und für den Kommunismis zu agitieren. Wie immer sehr vorbildlich hat das ‚Ums Ganze‘-Bündnis bzw. TOP-Berlin mit der Karl Marx-Herbstschule und einer Veranstaltung zur ‚Ideologiekritik der bürgerlichen Schicksalsgemeinschaft‘ reagiert und auch eine Lektüreliste gegen verkürztes Krisenbewußtsein online gestellt.

Die interventionistische Linke versuchts dagegen mit Humor und fordert BürgerInnen auf, ihre Milliardenhilfe beim Bundesfinanzminister zu beantragen: hier

Kommunistisches Begehren

Nach der Lektüre von bini adamczaks Buch „KOMMUNISMUS. kleine geschichte, wie endlich alles anders wird“, bin ich insbesondere an dem Teil des Epilogs hängen geblieben, der sich um die Kritik des Kapitalismus vom Standpunkt der Konsumtion dreht. Es geht dort insbesondere um Ansätze, die man vielleicht am treffendsten mit der Parole „Luxus für alle“ umschreiben könnte. Als konkretes Beispiel würden mir spontan die Proteste gegen den Frankfurter Opernball einfallen (bspw. 2006 unter dem Motto: “Gegen Sozialabbau und Innere Aufrüstung – Luxus für Alle!”). Der Ansatz ist mir deswegen ganz sympathisch, da „[e]ine Kapitalismuskritik vom Standpunkt der Konsumtionssphäre argumentiert, dass die Kritik des Kapitalismus nicht hinter dessen Errungenschaften zurückfallen dürfte“ (Adamczak, S. 72). Erstmal ja gar nicht schlecht, insbesondere für Linke aus den Metropolen, die ihren Standard halten wollen. Genau dort setzt auch die Kritik von Adamczak an, die diesem Standpunkt vorwirft:

In der Parole ‚Luxus für alle!‘ wird zwar der Ausschluss der Mehrheit der Weltbevölkerung vom gesellschaftlichen Reichtum kritisiert, aber die Formbestimmtheit dieses Reichtums kommt selbst nicht in die Perspektive der Kritik. [..] [V]or allem wird die Konsum-Monade, der Individualismus des Konsums und die Trennung von Konsumtions- und Produktionssphäre übernommen.
- Adamczak S. 72

Die Behauptung, dass notwendigerweise die Formbestimmtheit des Reichtums aus dem Blick geraten würde, kann ich so nicht nachvollziehen. Natürlich besteht die Gefahr. Aber die besteht auch bei ganz anderen Ansätzen und mir erscheint der Schluss nicht logisch zwingend. Es bleibt also eine Herausforderung an linke und kommunistische Theorie dieser Falle durch eine Kritik der kapitalistischen Form zum umgehen.
Anders der Vorwurf der Beibehaltung der Trennung von Konsumtions- und Produktuionssphäre. Würde man den Begriff Luxus in der aktuell gebräuchlichen Wortbedeutung nehmen, würde tatsächlich in der Hauptsache die Frage nach der Befriedigung von Bedürfnissen aufkommen, ohne deren Produktionsbedingungen direkt in den Blick zu nehmen. Weiterhin müsste man zumindest einen Teil dieser Luxus-Bedürfnisse sogar als Folge dieser Produktionsbedingungen entlarven. Dass es also nicht mit der Allgemeinverfügbarkeit von Kaviar und Schampus getan ist, wenn es um die Formulierung eines kommunistischen Begehren nach Luxus geht, dürfte klar sein.
Die Frage was der Begriff Luxus in einem kommunistischen Begehren (und ein solches wiederzuerwecken ist Anspruch des Buches) genauer bedeuten könnte, um die Formbestimmtheit der derzeitigen Reichtumsproduktion aufzusprengen, müsste erörert werden. Eine einfache Aufzählung von Waren, die man auch noch im Kommunismus gerne hätte, leistet diesen Bruch mit der kapitalistischen Form sicherlich nicht. Doch ist mir in letzter Zeit desöfteren ein Adorno Zitat in den Weiten des Internets begegnet, dass ein Begehren nach Luxus ausdrückt, aber nicht in der Formbestimmtheit des Kapitalismus verbleibt, sondern diese mitsamt der anhängigen Produktion herausfordert:

Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und läßt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, „sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung“ könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden. Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt der erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden
- Adorno in der minima moralia

Könnte nicht so der Kommunismus aussehen? Entsteht durch so ein Bild im Kontrast mit der Wirklichkeit nicht ein kommunistisches Begehren, welches glaubhaft dem Kapitalismus vorwerfen kann, die angehäuften Produktionsmöglichkeiten nicht für das Glück der Gattung Mensch, sondern gegen diese einzusetzen?




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